Hermann Rauhe: Wem die Amsel ein Lied singt…

Hans-­Juergen Fink porträtiert Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Rauhe im Hamburger Abendblatt.

Schon im Anfang ist Musik. Mendelssohn wird im Klassenraum der Dorfschule von Wanna bei Cuxhaven gerade geprobt, vom Männerchor, den der Vater leitet, als der Junge oben in der Lehrerwohnung am 6. März 1930 seinen ersten Schrei tut. Musik begleitet ihn ins Leben. Die Mutter ist Klavierlehrerin und Organistin, zwei Instrumente gehören zum Haushalt, „sie hat das ganze Dorf musikalisiert“. Hermann Rauhe, heute Ehrenpräsident der Hamburger Hochschule für Musik und Theater, singt im Kinderchor der Kirche. Dem ehrgeizigen Projekt der Mutter, Klavier zu lernen, entzieht er sich bald. „Bei vielen Dorfkindern hat es geklappt, beim eigenen Sohn nicht“, sagt Rauhe, „wohl weil sie ungeduldig war.“

Der Vater unterrichtet in der Schule, erste bis vierte Klasse im selben Raum. Sein großes Hobby: Ornithologie. Um besser Vögel beobachten zu können, war er von Hamburg in das Dorf zwischen Marsch, Moor und Geest gezogen. Für den Sohn bedeutet das, als er 13, 14 Jahre alt ist: im Sommer aufstehen gegen halb vier, lange vor der Fahrt zum Gymnasium in Cuxhaven, um im väterlichen Auftrag die Gesänge der Vögel grafisch zu notieren. „Eine wunderbare Schule des Hörens“, erinnert sich Hermann Rauhe, „die Amseln waren immer besonders kreativ.“

Dann überlagert der Krieg die Musik, traumatische Erlebnisse. Der Marsch mit der Großmutter im Juli 1943 von Wilhelmsburg über die Elbbrücken, um nach den Feuersturmnächten in Hamm Verwandte zu suchen. Sie hatten überlebt, aber die Bilder der verkohlten Opfer haben Rauhe lange verfolgt, erst die Musik heilt ihn davon: Dieter Einfeldts „Gomorrha – Ein Requiem für Hamburg“ in den 80er-Jahren. Rauhe überlebt das Aufgebot der letzten Kriegstage an der dänischen Grenze – er desertiert mit zwei Freunden.

1945 die Befreiung. Und der Jazz. „Jazz war für mich auch eine Art Befreiung“, Protest gegen die Eltern. Rauhe findet wieder zum Klavier, er improvisiert. Noten lernt er erst später, sagt er, und legt ein erstaunliches Geständnis ab: „Bis heute hab ich meine Probleme mit dem Notenlesen. Es gibt ja Notenfresser, die alles auf einen Blick erfassen können, ich gehöre nicht dazu.“

In der Tanzband Bobby Swing sitzt er am Schlagzeug bei Jazz- und Swing-Standards, „Dinah“, „Lady Be Good“. Mit Tanzmusik zieht man abends über die Dörfer. Die Eltern arrangieren sich, der Vater schreibt sogar Entschuldigungen, wenn so ein Tanzabend zu lange gedauert hat: „Mein Sohn muss heute Torf stechen.“ Einmal wird die Gruppe zu Aufnahmen beim British Forces Network in den kleinen Saal der Hamburger Musikhalle eingeladen, eine Art Ritterschlag für die Jungs aus der Provinz.

1950 fällt er glatt durch die Aufnahmeprüfung der Hamburger Musikhochschule, weil er keck Bach mit Jazz-Elementen anreichert. Nun wird er von den Eltern zur Prüfung zum Postverwaltungsdienst am Stephansplatz geschickt. Gibt Widerworte, will durchfallen, wird angenommen. Und wirft nach einem Jahr hin, weil er doch zum Studium an der Musikhochschule zugelassen wird.

Schulmusik soll es werden. Diesem allerletzten Zugeständnis an elterliche Zukunftssorgen folgt bald eine schmerzliche Erfahrung: Hermann Rauhe erkennt, dass er nicht zum großen Künstler geboren ist, der mit seinem Klavierspiel das Publikum in den Bann schlagen kann. „Ich hörte ein Klavierkonzert von Eduard Erdmann und spürte: Das schaffst du nie, so souverän, virtuos, so gut zu sein.“ Er beschließt: „Dann werde ich eben Pädagoge. Musik vermitteln ist ja auch interessant.“

Er entdeckt seine Begabung fürs Unterrichten, lehrt am Wirtschaftsgymnasium Lämmermarkt und an der Handelsschule Schlankreye Musik, um Geld zu verdienen. Staatsexamen mit Auszeichnung, Referendariat am Wilhelm-Gymnasium. Von da ist es nur ein kurzer Weg an die Musikhochschule, wo man sein Talent zur Lehre ebenfalls erkennt. Nach zweitem Staatsexamen und Promotion wird Rauhe Hochschul-Assistent, er hält die Musikgeschichts-Vorlesung.

Und bald ordnet sich sein Leben, beruflich und privat. An der Hochschule lernt er seine spätere Frau Annemarie kennen; sie ist zunächst seine Studentin, die beiden singen gemeinsam im Städtischen Chor, 1963 heiraten sie. Der junge Dozent wird 1965 jüngster Professor Hamburgs, 1967 ordentlicher Professor und 1970 an die Universität Hamburg berufen als Ordinarius für Erziehungswissenschaft/Ästhetische Erziehung, ans erziehungswissenschaftliche Institut. Bis 1978 ein neuer Präsident der Musikhochschule gewählt werden soll.

Da steht gerade die Eigenständigkeit der künstlerischen Hochschulen Hamburgs zur Disposition. Sollen sie in einer Gesamthochschule aufgehen? Ihn Cialis reizt außerdem die Chance, all das, was er an Wissen über Management, Musikvermittlung, über die Rolle der Musik in der Gesellschaft zusammengetragen hat, endlich in leitender Position umzusetzen. Rauhe bewirbt sich, erhält 77 Prozent der Stimmen. Wird später mehrfach wiedergewählt und gibt das Amt erst 2004 auf. Die Hochschule bleibt natürlich selbstständig. Er stellt sich quer zu Rathaus-Politik – und hat Erfolg. Im Lauf der Jahre erweitert und modernisiert er das Angebot der Hochschule, die Studiengänge Musiktherapie, Popularmusik, Jazz, Kulturmanagement werden eingerichtet.

Bei seiner Wiederwahl kann er pokern. Er hat einen Ruf nach Wien an das dortige Institut für Kulturmanagement vorliegen, Hamburg will ihn halten. Rauhe pokert hoch, so kommt die Hochschule unter anderem zu ihrem eigenen Theater, dem Forum – ein 25-Millionen-Mark-Projekt, für das der Präsident bei einem der legendären Kaminabende in seinem Amtszimmer die Geldmittel von Sponsoren zugesagt bekommt. Auf dem Kaminsims zeigt die kleine Skulptur eines Clowns derweil leere Hosentaschen – das Geschenk eines Mäzens.

Zwei Veranlagungen sind es, die Rauhe erfolgreich machen. Die erste: Er hat einen grenzenlosen Hang zur Vernetzung. Er wird in mehr als 150 Vereine, Gesellschaften, Kuratorien, Institutionen und ihre Top-Ämter berufen; in vielen ist er bis heute aktiv. Die lange Liste reicht vom Verband der Tonkünstler und Musiklehrer über den Deutschen Musikrat zur Deutschen Phonoakademie, er wird Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen, Vorstand des Internationalen Musikzentrums, Mitglied im ZDF-Fernsehrat, wird Präsident der Menuhin-Initiative Il Canto del Mondo. Jedes Gremium öffnet neue Verbindungen und neue Chancen. Ihm geht es nie ums Visitenkarten-Sammeln. Sein Geheimnis: „Ich habe keine Berührungsängste, ich bin auch keiner Party aus dem Weg gegangen. Das Wichtigste: zuhören, nicht reden.“ Seine Gesprächspartner nehmen ihm ab, dass er ein Ohr für ihre Vorlieben und Anliegen hat. Die persönlichen Verbindungen sind sein Königsweg, um Unterstützung für neue Ideen zu finden. Er brennt für das, was ihn umtreibt, und für diese Begeisterung verzeiht man ihm sogar seine Hartnäckigkeit. Überholen kann ihn keiner. Wo immer man hinkommt – er ist schon da. Fast manisch getrieben stößt er Projekte an, gewinnt prominente Gastprofessoren für seine Hochschule, moderiert im Fernsehen.

Und er hat ein ausgeprägtes Fundraising-Gen. Geld sammeln für die Musik – da macht ihm niemand etwas vor. Viele Millionen Euro hat er bewegt. Aber wie macht er das? Rauhe lächelt und sagt: „Kairos.“ Die Kunst, den günstigen Augenblick zu packen. „Ich habe nie um Geld gebeten, dazu bin ich viel zu stolz. Ich habe nur in leuchtenden Farben bestimmte Vorhaben geschildert.“ Wenn dann die Rückfrage kommt: „Was kostet das denn, können wir das unterstützen?“, sagt er beiläufig: „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht…“ Seine Kunst: „Nie sagen: ‚Ich will.‘ Sondern das Bedürfnis wecken, Musik zu fördern.“

Wer aber Hermann Rauhe nur als umtriebigen und schlitzohrigen Strategen sieht (was nicht wenig wäre), der täuscht sich. Sein Glücks-Mantra heißt nämlich: „Ich werde glücklich, wenn ich mich für andere engagiere. Für andere da zu sein ist das größte Geschenk, was man sich selber machen kann. Wer nur rafft, ist dumm.“ So kommt es auch zu New Generation. Einem Verein, den er 1995 mit seinem Freund, Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen, gründet. Ein Verein, der für ältere Menschen Veranstaltungen und Projekte organisiert, Grundlagen schafft für ein sinnvoll gestaltetes Leben.

Ein rastloses Leben, das seine Ehefrau Annemarie seit nun bald 50 Jahren mit ihm aushält. Wie sie das erträgt? „Nur dadurch, dass sie selber kreativ ist“, sagt er. „Selber Ideen hat, selber Musik macht, meine Frau ist Flötistin und Flötenlehrerin, sie ist in der Kirche sehr aktiv, bei Zonta und im Oberaltenkollegium.“ Gelebte Eigenständigkeit, nicht das Gefühl, aneinander gekettet zu sein. „Und der christliche Glaube, der verbindet uns.“

Bis heute ist Hermann Rauhe täglich unterwegs. Wird man mit zunehmendem Alter nicht auch mal müde? „Eher das Gegenteil. Meine Wahrnehmung, meine Glücksgefühle, die Abenteuerlust und Innovationskraft – alles wird größer, alles wächst. Und das Bedürfnis, Menschen zu begegnen. Ich fühle mich pudelwohl.“

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbildgelten. Hermann Rauhe bekam den Faden von Jörn Walter und gibt ihn an Jana Schiedek weiter.